„Ohne Zuschauer wird es nicht funktionieren“
  27.11.2020 •     Handball Männer Männer 1

Die Abteilungsleiter Dieter Pfeil (links) und Wolfgang Bürkle sind trotz der aktuellen Situation optimistisch. Foto: Maximilian Hamm

Auch in der Baden-Württemberg-Oberliga ruht der Handball. Die Abteilungsleiter Dieter Pfeil (SV Fellbach) und Wolfgang Bürkle (TSV Schmiden) sprechen im Interview über die Auswirkungen der erneuten Zwangspause auf ihre Vereine.

Für die Handballer des SV Fellbach und des TSV Schmiden endet das sportliche Jahr 2020 ohne ihren Sport. Aufgrund der Coronavirus-Pandemie, die eine zweite Zwangspause zur Folge hat, finden seit Anfang November keine Spiele in der Baden-Württemberg-Oberliga statt. Die Abteilungsleiter Dieter Pfeil, 61, und Wolfgang Bürkle, 64, die in ihren beiden Vereinen insgesamt gut 900 Mitgliedern vorstehen, sorgen sich insbesondere um die wirtschaftlichen Auswirkungen dieser spielfreien Zeit. Nur bei einem Thema sind sie sich uneinig.

In genau einer Woche hätten sich Ihre beiden Mannschaften zum Stadtderby in der Baden-Württemberg-Oberliga getroffen. Doch der Sieger heißt diesmal Corona. Wie verkraften Sie den Ausfall?
Wolfgang Bürkle: Für uns ist es das Highlight nach wie vor. Für mich ist es auch das einzige wahre Derby. Da kennt sich jeder, da wird gefetzelt vorher, da kommen eine Menge Zuschauer in die Hallen.

Am nächsten Freitag hätten aber wohl aufgrund der Corona-Beschränkungen nicht so viele in die TSV-Halle gedurft.
Wolfgang Bürkle: Dann eben nur 120, und davon 25 aus Fellbach, das hatten wir untereinander so ausgemacht.
Dieter Pfeil: Das ist ja auch schwierig zu unterscheiden, ob einer jetzt Schmidener oder Fellbacher ist oder Oeffinger, das bekommen wir an der Türkontrolle überhaupt nicht hin. Da müssen wir halt fair miteinander umgehen. Umgekehrt ist es auch so geplant. Ein mega Highlight in sportlicher Hinsicht, aber auch aus wirtschaftlicher Sicht, wenn da bis zu 600 Zuschauer in die Halle kommen.
Wolfgang Bürkle: Da freut man sich drauf, da schlägt mein Herz doppelt so schnell.

Wie haben Sie den Stopp beim Amateursport aufgenommen, speziell im Hinblick auf Ihre Abteilungen?
Wolfgang Bürkle: Wirtschaftlich gesehen ist es für uns eine Katastrophe, wenn wir keine Zuschauer in die Halle lassen dürfen. Es entstehen nur Unkosten, wir haben absolut keine Einnahmen. Selbst die 120 Zuschauer, die wir anfangs reinlassen durften, die konsumieren nicht mehr wie früher, die setzen sich auf ihren Platz, nehmen vielleicht ein Getränk, essen eine Kleinigkeit und müssen nach dem Spiel gleich wieder gehen. Deshalb war es aus dieser Sicht richtig, dass der Verband den Sport zunächst einmal ruhen lässt.
Dieter Pfeil: Das kann ich nur bestätigen. Wir haben in der Regel Schiedsrichterkosten in der Baden-Württemberg-Oberliga von etwa 400 Euro – da müssten wir eine ganze Menge Wurstbrötchen verkaufen, um das reinzuholen. Das schaffen wir nicht. Insofern ist das eine ganz traurige Situation. Soweit zu den Spieltagen. Aber zum Glück haben wir sehr verlässliche und treue Sponsoren und noch keinen Sponsor verloren. Bisher. Das ist eine Auswirkung, die aber noch kommen könnte. Das wissen wir ja heute noch gar nicht. Irgendwann, je länger die Situation anhält, ruft uns einer an und sagt: Ihr bringt keine Leistung. Da steht noch ein großes Fragezeichen.

Am Samstag tagt der Handballverband Württemberg (HVW). Gibt es ein Szenario, wie Sie die Saison aus wirtschaftlicher Sicht noch retten können?
Wolfgang Bürkle: Ich erwarte mir zunächst einmal eine klare Regelung, dass nicht der badische, der südbadische und der württembergische Verband unterschiedliche Ansichten haben. Ich hätte gern eine Aussage, zum Beispiel, dass wir Anfang Februar mit einer einfachen Runde starten. Wir stecken ja einen bestimmten Betrag in die erste Mannschaft, das wird in Fellbach nicht anders sein. Da bekommt der eine oder andere Spieler ein kleines Zubrot, und die müssen jetzt halt darauf verzichten. Da sind die Absprachen ganz klar. Wir hatten jetzt im November auch noch einmal eine Videokonferenz mit Spielern und Trainer, und da hat kein einziger gesagt, dass er das nicht mitmacht. Bei uns sind die Ausgaben also ausgesetzt. Von unseren Sponsoren setzen schon einige aus, weil sie zum Beispiel in der Veranstaltungstechnik tätig sind. Aber wir sind zum Glück so aufgestellt, dass wir viele Schmidener Firmen haben, die uns schon seit 30 oder 40 Jahren unterstützen, und die hören auch nicht auf. So können wir uns einigermaßen über Wasser halten. Wir werden aber auch im nächsten Jahr kleinere Brötchen backen müssen. Wer weiß, ob wir das Ortsturnier, unsere Haupteinnahmequelle, ausrichten können. Mir ist es wichtig, dass wir alle unsere Spieler auch im Hinblick auf die nächste Saison halten können. Das sind tolle Typen, wie auch die beim SV Fellbach. Dann fangen wir halt in der nächsten Saison wieder an und starten da voll durch.
Dieter Pfeil: Es wird wohl drei Möglichkeiten geben. Selbst in der günstigsten Variante wird nicht vor Mitte Januar begonnen, was ja keine Überraschung ist. Die Spielpläne dann komplett zu ändern wird fast unmöglich sein, denn die Hallenbelegungen sind fix, da jetzt noch einmal etwas zu drehen, da kann ich mir nicht vorstellen, dass das funktionieren kann. Eine ganz faire Lösung, bei der alles und jeder berücksichtigt wird, kann es wohl auch in dieser Saison nicht geben.

Welcher Fortgang wäre denn Ihrer Abteilung am liebsten?
Wolfgang Bürkle: Eine Fortsetzung dieser Saison, aber mit Zuschauern. Die brauchen wir. Wir haben ja keine Rücklagen, ohne Zuschauer wird es nicht funktionieren.

Und wenn die Saison im Februar fortgesetzt wird, aber keine Zuschauer zugelassen werden?
Wolfgang Bürkle:: Wir haben das schon besprochen und werden die Spiele im Internet übertragen; vielleicht bekommen wir ja ein paar Leute, die dann sagen: Gut, dann geben wir da ein paar Euro anstatt des Eintrittsgelds. Wir haben Dauerkarten angeboten, zum halben Preis, in der Hoffnung, dass wir zumindest eine halbe Saison spielen können.
Dieter Pfeil: Viele Zuschauer sehen die Dauerkarte ja auch als Sponsoring. Die geben 50 oder 60 Euro und sind dann gar nicht bei allen Spielen dabei. Wir haben ja auch nicht nur einen Hauptsponsor, mit dem alles steht und fällt, bei uns ist das auch breit verteilt. Was bei uns wegfällt, das ist auch ein gewaltiger Faktor, sind die Busfahrten zu den Auswärtsspielen. Das sind ein paar Tausend Euro, aber das kompensiert nicht die fehlenden Einnahmen. Egal wie die Regelung dann aussehen wird – wir werden die ganzen Spieltage ja nicht mehr unterkriegen, und Ende Juni ist definitiv Schluss, davon bin ich überzeugt. Da werden wir das Minus nicht über Zuschauereinnahmen ausgleichen können. Wir denken auch an Spielübertragungen, und selbstverständlich sind die Spielergehälter ein Thema. Wir haben das im November beibehalten, jetzt warten wir die Entscheidung ab, setzen uns zusammen, und dann muss es in die gleiche Richtung gehen wie beim TSV Schmiden. Wer mit dem Handball Geld verdienen will, der spielt eh nicht in Fellbach – und in Schmiden wahrscheinlich auch nicht. Also können wir das ein paar Monate machen, aber wenn das länger geht, also mehr als zwei oder drei Monate, dann müssen wir auch bei uns zwangsläufig über Kostenreduzierungen sprechen.
Wolfgang Bürkle: Wir haben die Eltern unserer Jugendlichen vom HSC Schmiden/Oeffingen angeschrieben mit der Bitte, in den Jugend-Förderverein einzutreten. Damit wäre garantiert, dass Übungsleiterlizenzen, Trainerfortbildungen, Trainingsmaterial oder Jugendevents weiterhin ausreichend finanziert werden können. Für die nächste Saison planen wir auch, dass die Abteilung die Sportausrüstung der Jugendlichen nicht mehr allein finanziert. Wir müssen umdenken, Ideen entwickeln und gegebenenfalls neue Wege gehen.

Welche Auswirkungen hat diese erneute Zwangspause denn für die Kinder und Jugendlichen in Ihren Abteilungen? Befürchten Sie, dass sie sich abwenden könnten vom Handballsport?
Wolfgang Bürkle: Ich glaube nicht, dass es Auswirkungen auf die Jugendlichen geben wird. Wer das Gen Handball in sich trägt, der spielt auch ein halbes Jahr später noch Handball. Vielleicht wird es wenige geben, die aufhören werden, aber die waren dann nicht zu einhundert Prozent überzeugt von dieser Sportart.
Dieter Pfeil: Das könnte höchstens der Fall sein bei den Allerjüngsten, wenn das jetzt noch Monate so weitergeht und wir nicht spielen können, und der Fußball zum Beispiel irgendwann wieder rollen wird, dann hätten wir schon eine Konkurrenz.

In den vergangenen Wochen gab es viel Unruhe im Profihandball, da haben Nationalspieler das Coronavirus von Länderspielen mit nach Hause gebracht, Bundesliga-Begegnungen mussten verlegt werden. Im Januar soll die Weltmeisterschaft in Ägypten stattfinden. Wie stehen Sie dazu, dass die Profis reisen, Ihre Mitglieder aber nicht einmal trainieren dürfen?
Dieter Pfeil: Ich halte die Weltmeisterschaft für nicht haltbar. Auch wenn sie weit weg stattfindet. Auf der einen Seite steht die Öffentlichkeitsarbeit für den Handballsport, aber dort findet ein Turnier statt, und die Kinder sitzen daheim und können nicht trainieren. Das beißt sich. Du kannst heute in dieser Situation keine Großveranstaltung ausrichten, auch um die Spieler zu schützen.

Und wie steht es um die Bundesliga?
Dieter Pfeil: Für mich ist es okay, wenn die Mannschaften in der ersten und zweiten Bundesliga ihrem Job nachgehen. Dort ist ja eher das Thema, dass keine Zuschauer in den Hallen zugelassen sind.

Aber die Bundesligisten verkraften das wohl eher als Amateurvereine.
Dieter Pfeil: Die Frage ist nur, wie lange sie das noch verkraften werden.
Wolfgang Bürkle: Das geht bei denen nur über Sponsoren und Fernseheinnahmen, sonst müssten die auch dicht machen. Ich sehe das mit der Weltmeisterschaft anders: Wenn in der Bundesliga gespielt werden kann, kann man auch eine Weltmeisterschaft austragen. Die Kinder schauen das dann auch an, das ist Werbung für den Handballsport, der kommt in unsere Wohnzimmer, und die Harzkugel wird vermarktet.

Wie ist Ihr Ziel für 2021?
Wolfgang Bürkle: Es wäre schön, wenn zumindest das eine Stadtderby in Fellbach im April stattfinden könnte. Da ist es mir dann auch egal, wo das stattfindet, Hauptsache ein Derby und Hauptsache, die Runde wird weitergespielt.
Dieter Pfeil: Das wäre ein Highlight, das steht außer Frage. Hoffentlich mit vielen Zuschauern, aber da habe ich große Zweifel. Das Ziel ist, dass die Runde, in welcher Form auch immer, möglichst früh weitergeht; mit einem gewissen Trainingsvorlauf, vier bis sechs Wochen sollten es auf jeden Fall sein. Je früher desto besser. Das ist Hoffnung und Wunschdenken zugleich.


ZUR PERSON: WOLFGANG BÜRKLE
Schmiden Als Wolfgang Bürkle in den TSV Schmiden eintrat, wurde die Tagesschau erstmals in Farbe ausgestrahlt. Seit 1970 ist der heute 64-Jährige Mitglied im größten Verein des Rems-Murr-Kreises, und seit 2012 leitet er die Handballabteilung, die rund 400 Mitglieder zählt. Das Amt hatte Wolfgang Bürkle von seinem Bruder Siegfried Bürkle übernommen, nachdem er dessen Stellvertreter und seit 1991 auch Jugendleiter gewesen war. Der Macher war auch schon Pressewart, Jugendtrainer und Coach des Frauenteams. Wolfgang Bürkle ist in Stuttgart geboren und wohnt seit 1998 in Oeffingen, davor hat er in Schmiden gelebt. Er ist verheiratet und hat vier Kinder, die alle mit dem Handball verbunden sind. In seiner Zeit als Abteilungsleiter hat er Aufund Abstiege der Teams mitgemacht. Doch eine Herausforderung, wie sie die Coronavirus-Pandemie in diesem Jahr darstellt, hat auch er noch nicht annehmen müssen.

ZUR PERSON: DIETER PFEIL
Fellbach Gleich in seinen ersten beiden Jahren als Abteilungsleiter des SV Fellbach hat Dieter Pfeil Höhen und Tiefen erlebt. Nachdem er das Amt im Mai 2018 von Walter Hartmann übernommen hatte, stiegen die Fellbacher Handballer in der folgenden Saison von der Württemberg-Liga in die Baden-Württemberg-Oberliga auf. Gut ein Jahr später wurden sie dort dann von einem unsichtbaren Gegner gestoppt. Seitdem kursieren auch die Gedanken von Dieter Pfeil rund um das Coronavirus und die Auswirkungen auf die Handballabteilung des SV Fellbach, die rund 470 Mitglieder aufweist. Der 61-Jährige war schon länger beim SV Fellbach tätig, zuvor als Verantwortlicher der Öffentlichkeitsarbeit und des Marketings. Dieter Pfeil ist verheiratet, hat zwei Kinder und wohnt mit seiner Familie in Fellbach. Sein Sohn Maximilian spielt im Team um den Spielertrainer Andreas Blodig und dessen Assistenten Thilo Burkert.

erstellt von Maximilian Hamm von der Fellbacher Zeitung